Verkehrsbetriebe
China: Hochgeschwindigkeitsausbau lässt den Rest der Welt alt aussehen01.08.2025
Immer neue Strecken, immer schnellere Züge: Gegen Chinas Hochgeschwindigkeitsnetz sieht der Rest der Welt alt aus.
China hat schon jetzt das längste Netz für Hochgeschwindigkeitszüge der Welt – mit 48.000 Kilometern ist es mehr als doppelt so lang wie das aller anderen Länder zusammen. Und es wächst immer weiter. Schon Ende des Jahres soll die Marke von 50.000 Kilometern erreicht sein, sagte der chinesische Verkehrsminister Liu Wei kürzlich. Zum Vergleich: In Deutschland sind es knapp 3.000 Kilometer, auf denen Züge mit mindestens 200 km/h unterwegs sind.
Wer von Peking nach Shanghai fährt, braucht für die etwa 1.300 Kilometer nur rund viereinhalb Stunden. Von der chinesischen Hauptstadt bis nach Shenzhen, dem Tech-Zentrum an der Grenze zu Hongkong ganz im Süden des Landes, sind es keine acht Stunden – obwohl die beiden Städte etwa 2.300 Kilometer entfernt voneinander sind. Mit bis zu 350 km/h sind die Züge in der Spitze unterwegs. Der klassische Nachtzug braucht hingegen gut 30 Stunden dafür.
Auf der Verbindung zwischen Peking und Shanghai konnte die Bahn dem Flugverkehr deshalb bereits den Rang ablaufen: 52 Millionen Menschen fuhren im vergangenen Jahr zwischen den beiden Megastädten mit dem Zug, mit dem Flugzeug waren es nur knapp neun Millionen. Das überrascht nicht: Die Hochgeschwindigkeitszüge punkten nicht nur mit Tempo, sondern auch mit Komfort und Sauberkeit – zudem ermöglicht das zuverlässige WLAN Geschäftsreisenden, ihre Reisezeit produktiv zu verbringen. Außerdem erfolgt die Fahrt direkt von Stadtzentrum zu Stadtzentrum, ohne den zusätzlichen Transfer vom Flughafen ins Zentrum. Man spart also Zeit.
Chinesische Züge gelten zudem als äußerst pünktlich; vor ein paar Jahren verließen Staatsmedien zufolge 98,8 Prozent der Hochgeschwindigkeitszüge den Bahnhof zur im Fahrplan angegebenen Uhrzeit, und immerhin noch 95,4 Prozent kamen pünktlich an ihrem Ziel an. Werte, von denen deutsche Bahnreisende nur träumen können: Im Juni erreichten hierzulande nur 62,9 Prozent der Reisenden im Fernverkehr ihr Ziel pünktlich.
Inzwischen verfügen längst nicht mehr ausschließlich die großen chinesischen Millionenstädte über eigene Bahnhöfe für Hochgeschwindigkeitszüge: 97 Prozent der Städte mit mehr als 500.000 Einwohner sind laut Verkehrsministerium bereits an das Netz angeschlossen. Das ruft auch Kritiker auf den Plan. Der Wirtschaftsgeograf Lu Dadao von der angesehenen Chinesischen Akademie der Wissenschaften kritisiert bereits seit geraumer Zeit, dass China mehr Hochgeschwindigkeitsstrecken errichtet, als tatsächlich erforderlich wären.
„Alles deutet auf Überkapazitäten hin, sogar auf extreme Überkapazitäten“, schrieb der 85-Jährige unlängst in einem Artikel, der sich wie eine Abrechnung mit den Plänen der Regierung liest. Der Bau und die Instandhaltung von Hochgeschwindigkeitsstrecken verursachen nach Lius Einschätzung enorme Kosten. Gleichzeitig würden die Schnellzüge jedoch „nur einen geringen Anteil am gesamten Passagieraufkommen in China ausmachen“. Der Großteil der Bevölkerung nutze langsamere (und entsprechend preiswertere) Zugverbindungen oder das private Fahrzeug. Liu zieht daraus den Schluss: „Ohne eine ausreichende Nachfrage seitens der Fahrgäste ist der Bau einer Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke reine Verschwendung.“
Hinzu kommt: Auch wenn die Technik immer effizienter wird, verbrauchen Chinas Hochgeschwindigkeitszüge sehr viel Strom. Zwar baut China erneuerbare Energien wie Wind- und Wasserkraft sowie Solarparks so schnell aus wie kein anderes Land; weil der Stromverbrauch aber immer weiter steigt, nimmt das Land auch immer noch neue Kohlekraftwerke in Betrieb. Im vergangenen Jahr lag der Anteil der Kohle am Strommix bei 58 Prozent. Wirklich umweltfreundlich ist Zugfahren in China also nicht.


